Alle Beiträge von Klaus Georg Niedermaier

Audietur et altera pars …

… ist ein Rechtsgrundsatz der besagt, dass man immer beide Teile anhören soll. Im Fall der Kölner Klinik, die ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer abgewiesen hat heißt das, auch Verantwortliche der Klinik zu Wort kommen zu lassen. Der WDR hat dies getan und ein Interview mit dem ärztlichen Direktor des St. Vinzenz-Hospitals ausgestrahlt. Hier ist der Link dazu, der Beitrag hat den Titel „Katholische Kliniken in Bedrängnis“. Und er rückt die Sache in ein etwas anderes Licht.

Geschiedene Leute

Nun sind die deutschen Diözesen und Professor Pfeiffer geschiedene Leute. Doch wer der Kirche nun eine Blockadehaltung oder mangelnden Willen unterstellt, schüttet nicht nur das Kind mit dem Bad aus, er liegt auch falsch.

Mit dem Schritt, sämtliche Personalakten zugänglich zu machen, ist die Kirche sehr weit gegangen. Stellen wir uns einfach folgendes vor: Die Krankenkassen werfen Ärztinnen und Ärzten Bestechlichkeit vor, und es kommt zu Unregelmäßigkeiten bei der Organspende. Beides sind strafbare Handlungen. Um diese Delikte zu untersuchen, beschließt man ein Gesetz, das alle Krankenhausträger verpflichtet, die Personalakten des Klinikpersonals offen zu legen. Ich möchte mir weder die allgemeine Empörung vorstellen, noch auf die verbleibende Amtszeit des Gesundheitsministers wetten.

Doch genau das haben die Bischöfe getan. Und damit ihre Fürsorgepflicht als Arbeitgeber hinten angestellt, um einem höheren Ziel, nämlich der Aufklärung zu dienen. Dass dann aber Diskretion, Datenschutz und Vertrauen in den Leiter der Studie die allergrößte Rolle spielen, liegt auf der Hand.

Wer sich dieses Zwiespalts bewusst ist, der bringt Verständnis dafür auf, dass die Bischöfe einem Projektleiter, mit dem sie sich nicht verständigen können und dem sie nicht mehr vertrauen, den Auftrag entziehen. Dies geschah freilich nicht vorschnell oder im Hauruck-Verfahren, sondern erst nach einem Mediationsprozess. Hätte man die Studie seitens der Kirche torpedieren wollen, hätte man auf diese aufwendige Vorgehensweise verzichten können. Andererseits leuchtet auch nicht ein, warum ausgerechnet diese eine Studie verhindert werden sollte, während Untersuchungen bereits im Bistum München-Freising durchgeführt wurden, der Kriminologe Norbert Leygraf seine Studie durchführen und seine Ergebnisse publizieren konnte und der Abschlussbericht der Missbrauchshotline ebenfalls der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Denn wer etwas unter den Teppich kehren wollte, müsste der nicht alles verschwinden lassen?

Aber auch, wenn die Vorwürfe nicht überzeugen – das Ansehen der Kirche ist weiter beschädigt. Jetzt muss die Studie mit einem neuen Partner zügig zu Ende geführt und publiziert werden. Dies ist die Kirche vor allem den vielen Opfern schuldig, deren Zahl in die Tausende geht. Und wer die bisherigen Anstrengungen sieht, kann am Willen der Bischöfe keine Zweifel haben.

 

 

Das Ende der Selbstverständlichkeit

Langsam kann man die ganzen Shitstorms, die tagtäglich durch das Netz fegen, nicht mehr zählen. Einer davon betraf in den letzten Tagen eine Dortmunder Kirchengemeinde.

Was war passiert? Ein kleiner Junge stirbt im Alter von neun Jahren an Krebs. Weil er BVB-Fan ist, wünscht er sich eilnen Grabstein mit BVB-Logo. Seine Eltern, die nicht zu dieser Gemeinde gehören, lassen ihr ungetauftes Kind auf dem katholischen Friedhof beerdigen und reichen den Entwurf eines Grabsteins beim Kirchenvorstand ein. Mit BVB-Logo, dem Slogan „Echte Liebe“ und einem Fußball. Der Kirchenvorstand, ein Gremium, das aus Laien (also vermutlich auch dem einen oder anderen Vater oder Mutter) besteht, lehnt diesen Entwurf zunächst wegen des Fehlens christlicher Symbole ab, bietet jedoch ein Gespräch an. Denn dem Jungen seinen letzten Wunsch zu erfüllen, stand auch für den Kirchenvorstand nie in Frage.

Daraufhin entsteht eine Facebook-Gruppe, es wird zu Demonstrationen aufgerufen, und sogar die überregionalen Medien berichten – und die Kirchengemeinde (die nichts anderes wollte, als ein christliches Symbol auf einem christlichen Friedhof) kommt alles andere als gut dabei weg.

Schlussendlich kommt es zu einem Gespräch, Familie und Gemeinde einigen sich, der Grabstein trägt das BVB-Logo, den Schriftzug „Echte Liebe“ und ein christliches Symbol, nur der Fußball wird weniger prägnant.

Ich habe mich gefreut, dass es so gekommen ist. Denn am Ende des Tages geht es um das Grab eines Neunjährigen. Und auch um Eltern, die bei jedem Besuch am Grab ihres Kindes daran erinnert worden wären, dass sie seinen letzten Wunsch nicht erfüllen konnten.

Doch natürlich frage ich mich auch, was zu derartigen Reaktionen geführt haben kann. Dabei geht es mir weder um das konkrete Verhalten des Kirchenvorstands noch um das der Eltern. Denn ich kenne den Fall so wie alle anderen nur aus der Presse und erlaube mir kein Urteil.

Was mich als Kommunikationsmensch interessiert ist die Reaktion der Massen. Was ließ die Wellen so hoch schlagen und vor allem: Hätte man es verhindern können?

Die Diskussion entzündete sich daran, dass der Stein nicht der Friedhofssatzung entsprach. Doch gerade in diesem Fall sind Satzungen ja kein Selbstzweck. Sie geben dem, was Menschen glauben und worin sie ihre Hoffnung setzen, eine Rechtsform. Hinter der Satzung stehen also Glaubenssätze.

Das geht so lange gut, wie die Menschen diese Glaubenssätze kennen und anerkennen. Friedhöfe sind Orte des Glaubens an die Auferstehung. In diesem Glauben sind dort die Toten bestattet und dieser Glaube gibt ihren Angehörigen Kraft. Deshalb gehören dort auch die Symbole hin, die für diese Auferstehung stehen. Auf einem katholischen Friedhof geht es um den Sieg über den Tod und nicht um den Gewinn von Meisterschaften. Wer das weiß und wer weiß, wie viel Kraft diese Symbole Trauernden geben können für den ist klar, dass ein solcher Stein in der vorgeschlagenen Form nicht genehmigt werden konnte.

Fehlt aber das Wissen um diese Hintergründe, dann bleiben freilich nur Vorschriften auf Papier. Regeln, die man auslegen kann, von denen es Ausnahmen gibt, wo man ein Auge zudrücken und fünfe gerade sein lassen kann. Und es gibt eine Kirche, die sich an diese Vorschriften klammert und zu hartherzig ist, um davon abzurücken. Da kann man schon mal wütend werden.

Wenn Kirchen also Entscheidungen verkünden, reicht der Verweis auf Satzungen und Regeln heute nicht mehr aus. Es geht darum, die Entscheidung aus dem Glauben zu begründen. Dass das verständlich gemacht wird, was eben leider nicht mehr selbstverständlich ist. Auch dann wird freilich der eine oder andere auf die Kirche eindreschen. Mancher aber wird nachdenken und der eine oder andere vielleicht verstehen.

Mein Fazit: In einer Zeit, in der die Menschen religiös unmusikalisch werden, muss Kirche die Glaubenswahrheiten erklären, die hinter ihrem Handern stehen. Das kann auch eine Chance sein.

Schlussbemerkung: Ich lebe zwar in Dortmund, habe aber keinen Kontakt zu den Betroffenen Kirchengemeinden. Und auch wenn ich gerne ins Stadion gehe und die Begeisterung nachvollziehen kann, ist der BVB nur mein zweitliebster Fußballverein.

 

Nett für zwischendurch …

HirtenbarometerVor einigen Tagen berichtete Spiegel ONLINE über eine Website mit dem spannenden Namen hirtenbarometer.de. Der Gedanke liegt in Zeiten allgegenwärtiger Bewertungsplattformen nahe: Gläubige, ob katholisch, evangelisch, griechisch-orthodox oder russisch-orthodox, können hier ihre Hirten bewerten. Funktioniert das? Ich habs getestet…

Der Look

Die Seite wird dominiert von Schäfchen (was wohl das Bild für die Gläubigen sein soll, denn die Hirten soll man bewerten). An sich ganz knuffige Cartoons, aber auch irgendwie unlogisch, denn es geht ja um Hirten. Das wird ganz besonders deutlich, wenn man sich die Bewertungsseiten einzelner Hirten anschaut: Neben der Bewertung findet man ein Schaf, das bei schlechten Bewertungen schwarz, bei guten Bewertungen weiß und dazwischen grau ist. Wie soll man das verstehen? Bin ich also ein schwarzes Schaf, wenn ich meinen Hirten schlecht bewerte? Ein netter kleiner Hirte als Cartoon wäre da schön gewesen. Apropos: Die Seite redet die ganze Zeit nur von Hirten in der männlichen Form. Ist für Katholiken ja kein Thema, aber wenn DER Hirte dann EINE Pfarrerin ist, hört der Spaß irgendwie auf. Neutrale Sprache hin oder her, aber grammatikalisch korrekt sollte es schon sein.

Die Kriterien

Bewertet werden die Hirten (und -innen) anhand von fünf Kriterien: Am Puls der Zeit, Glaubwürdigekeit, Gottesdienst, Jugend- und Seniorenarbeit. Das ist bei Geistlichen, die eine Gemeinde haben, passend. Aber spätestens bei Bischöfen, Kardinälen oder gar dem Papst versagt das Ganze total. Denn auch wenn man die Herausgabe des Jugendkatechismus Youcat ebenso unter Jugendarbeit subsumieren kann, wie eine tolle Firmvorbereitung, sind sie grundverschieden. Ein Kaplan hat eben andere Aufgaben in Bezug auf Jugendliche wie z.B. ein Kardinal oder eine Ex-Landesbischöfin. Jeder mag sie auf seine Art gut machen, vergleichbar sind sie nicht. Die Bewertungsschritte reichen von 1 (schlecht) bis 6 (sehr gut).

Die Kommentare

Wie sich das für eine Bewertungsplattform gehört, gibt es auch die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Ich habe mir nicht alle angeschaut, deshalb nur zwei Eindrücke, die vielleicht etwas oberflächlich sind. Erstens: Die Moderatoren machen einen guten Job, mir sind keine Beleidigungen aufgefallen. Ansonsten bewegt sich das Ganze auf dem Niveau sonstiger Kommentarseiten anderer Angebote. Also nichts Besonderes.

Und? Bringt es was?

Um es kurz zu sagen: Nein. Die Site dient nicht, wie ihre Macher schreiben, dem Dialog, denn wer hier bewertet, kann dies völlig anonym tun. Und zum Dialog auf Augenhöhe gehört ein offenes Visier.

Sie sagt auch nichts über die Gemeinde aus, denn Gemeinde lebt von ihren Menschen und Gruppen.

Und ein Ventil für den Frust über den Hirten stellt die Seite ebensowenig dar. Denn wenn ein Schaf etwas zu sagen hat, gibt es dafür genügend Möglichkeiten. Man kann das direkte Gespräch suchen oder sich an Pfarrgemeinderäte, Gemeindereferentinnen, Lektoren, Kommunionhelfer, Küster etc. wenden. Möglichkeiten gibt und gab es dafür genug. Mit dem entscheidenden Vorteil, dass man dann über konkrete Dinge sprechen und sie ändern kann.

Also: Bei akutem Anfall von Langeweile kann man mal vorbeischauen. Nett für zwischendurch ist es. Mehr aber auch nicht.